geb. 16. Juli 1904 in Weyer (St. Goarshausen)

Eltern:

Ackermann, Elise, geb. Halberstat
Ackermann, Jakob

Kinder:

Ackermann, Ferna

Beruf:

Viehhändler, Synagogendiener

Adressen:

Büttenstraße 5 (von Weyer (St. Goarshausen) kommend, 1936)
Stephanienstraße 5 (1936-1939)

Weiteres Schicksal:

Am 12. April 1939 Emigration nach London, 1946 USA

Bild(er):

Simon Ackermann wurde am 16. Juli 1904 in Weyer geboren, damals preußische Provinz Hessen-Nassau. Heute gehört der kleine Ort zur Verbandsgemeinde Loreley in Rheinland-Pfalz. Die Eltern waren Jakob und Elisa geb. Halberstat.

"Im 18. und 19. Jahrhundert lebten in Weyer nur wenige Juden. Sie bildeten mit den Orten Nochern und Lierschied eine Synagogengemeinde. Im Haus des Gemeindevorstehers Moses Ackermann in der Schulstraße entstand ab etwa 1818 ein gemeinsamer Betsaal. Die Toten wurden auf dem jüdischen Friedhof Nochern beigesetzt. Nach 1933 lebten nur noch drei jüdische Familien in Weyer, zwei von ihnen konnten nach Amerika emigrieren. Bei den Novemberpogromen 1938 wurde der Betsaal im Hause Ackermann verwüstet, die Familie von Siegfried Ackermann zur Zwangsarbeit in die ehemalige Bergarbeitersiedlung Friedrichssegen-Tagschacht, einem Ortsteil von Lahnstein, verbracht und von dort in verschiedene Vernichtungslager im Osten deportiert." (Wikipedia)

Die antijüdische Entwicklung in Weyer betraf sicher auch die Familie von Simon Ackermann. Er kam mit Frau und Tochter bereits am 13. März 1936 nach Baden-Baden und fand seine erste Unterkunft bei Familie Rosbasch in der Büttenstraße 5.

Kurz danach wurde er von der jüdischen Gemeinde als Synagogenverwalter eingestellt und bezog das Haus neben der Synagoge. Hier, in der Stephanienstraße 5, hatte zuvor der Synagogendiener Louis Weil gewohnt. Dieser zog 1936 in die Stephanienstraße 20 und kehrte 1939 zurück. Louis Weil wurde 1940 nach Gurs deportiert und starb dort am 29. Mai 1941. Für ihn wurde 2008 ein Stolperstein verlegt. In dem Synagogenhaus wohnten 1939 und 1940 auch die Witwe Frieda Kayem und ihre Stieftochter Irma Kayem. Beide wurden nach ihrer Deportation nach Gurs in Auschwitz ermordet. An sie wird ebenfalls mit Stolpersteinen seit 2008 erinnert.

Im August 1937 wurde Simon Ackermann von einer "arischen" Angestellten des nahe gelegenen Hotels Tannhäuser bei der Gestapo Baden-Baden wegen "tätlicher Beleidigung" (anzügliche Bemerkungen sexueller Art) denunziert und vom Amtsgericht Baden-Baden zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Im September 1938 verweigerte die NSV die Erbringung von öffentlichen Fürsorgeleistungen für Simon Ackermann. Das Urteil wurde im Jahre 1949 in einem Wiederaufnahmeverfahren aufgehoben.

Erschütternd ist sein Bericht über die Ereignisse am 10. November 1938, den er Jahre später in den USA niederschrieb:
"Am 9. (sic!) November 1938 um 4 Uhr frueh kamen 10 Gestapomaenner zu mir in meine Wohnung, um nach Waffen zu suchen. Sie wuehlten alles durcheinander [...]. Beim Verlassen [...] sagte mir der Gestapochef Schoener ich solle nicht auf die Strasse gehen, denn alle Juden wuerden erschossen.
Um 7 Uhr frueh kam ein Polizist in Uniform und ein SS Mann. Sie schlugen die Zimmertuere ein. Der Polizist warf meine Frau zu Boden. Der SS Mann schlug auf mich wie ein Unmensch ein. Meine damals 3-jahr alte Tochter Ferna wollte der Polizist aus dem Fenster werfen. Ich hielt das Kind fest und sagte ihm, er solle das Kind gehen lassen; es haette nichts gemacht. Er solle mich erschiessen. Darauf sagte der Polizist, er haette noch keinen Befehl zum erschiessen erhalten, sonst haette er schon die Juden erschossen. Die beiden Unmenschen nahmen mich dann mit zur Polizeiwache in der Gernsbacherstrasse. Hier war offenbar die Judensammelstelle. Ununterbrochen wurden Juden eingeliefert.
Gegen 9 Uhr morgens wurden wir dann von der Polizei und der SS durch die Strassen gefuehrt. Die Badener Schuljugend ging voran und brüllte "Juda verrecke, schlagt die Juden tot". Die ganze Stadt war schon auf der Strasse. Viele schrieen wie betrunken, schlagt die Juden tot. Sie warfen mit Steinen und spieen auf uns. Ein Arbeiter der staedtischen Muellabfuhr, dessen Namen mir nicht mehr im Gedaechtnis ist, gebaerdete sich wie rasend. Er schlug auf uns ein, bis er selbst nicht mehr konnte.
Am Leopoldsplatz mussten wir halten. Die SS Maenner schrieen "Hier habt ihr die Juden. Macht mit ihnen was ihr wollt. Es geschieht euch nichts."
Im Augenblick waren hunderte von Menschen um uns und schlugen auf uns ein. Der Sohn des Rechtsanwaltes Dr. Hugo Hauser, Hans, der seinem Vater helfen wollte, wurde bewusstlos geschlagen. Ich und ein anderer Herr rafften ihn auf und schleppten ihn in die Synagoge. In der Synagoge mussten wir ohne Kopfbedeckung auf der Stelle treten und das Horst Wessel Lied singen. Dann musste einer nach dem andern unter SS Bewachung vor den heiligen Schrank treten und aus dem Stuermer vorlesen. Dann wurde uns gesagt, dass wir in der Synagoge eingeschlossen wuerden und verbrannt wuerden.
Gegen 11 Uhr wurden wir in das juedische Zentralhotel gebracht. Hier wurde die gesammte Einrichtung in Truemmer geschlagen. Ganz besonders betaetigte sich ein gewisser Xaver Wart, frueher Zeitungsverkaeufer am Sinnereck.
Gegen 2 Uhr wurde der Kantor Max Gruenfeld aus dem Zentralhotel geholt. Weinend und blutend kam er zurueck und rief, "Unsere Synagoge brennt, unser Gotteshaus steht in Flammen"." Dann erschien der obengenannte Xaver Wart, packte mich und trieb mich mit vorgehaltenem gelandenen (sic!) Revolver in die brennende Synagoge. Als ich von Brandwunden und Rauch ueberkommen, umfiel, gab der Feuerwehrhauptmann Gustav Mueller einem Feuerwehrmann den Befehl, mich mit einem Brandhaken herauszuziehen. Ich versuchte vor der Synagoge aufzustehen, fiel aber wieder zu Boden. Zwei Polizisten schleppten mich dann ins Hotel Zentral zurück.
Meine Frau und meine Tochter waren in unserer Wohnung geblieben. Sie durften das Haus nicht verlassen. Meine Frau bat den Gestapochef Schoener, er moege ihr und dem Kind doch helfen und sie aus dem Haus lassen. Er sagte, dass die Bevoelkerung verlange, dass sie und das Kind lebendig verbrannt werden. Er sprach jedoch mit Feuerwehrhauptmann Mueller, er solle das Haus unter Wasser halten. Um 5 Uhr durfte meine Frau mit dem Kind aus dem Haus [...]"

Simon Ackermann wurde am Abend des 10. November 1938 zusammen mit den anderen Gedemüdigten ins KZ Dachau gebracht und dort mehrere Wochen festgehalten

Im April 1939 gelang es Ackermann, mit seiner Frau Johanna und Tochter Ferna nach London auszureisen. Von dort emigrierten sie 1946 in die USA. In einem Brief vom 26. Dezember 1967 an den damaligen Oberbürgermeister Ernst Schlapper schrieb Simon Ackermann:
Durch die Misshandlungen im KZ Sachsenhausen und Dachau und bei dem Synagogenbrand habe ich mir nachweislich ein schweres Herzleiden zugezogen sodass ich schon 7 Jahre vollständig arbeitsunfähig bin. Ich bekomme von der Wiedergutmachungsstelle eine Gesundheitskur nach Bad Wiessee genehmigt, jedoch die Reisekosten werden nicht bezahlt.
Schon drei Mal habe ich die Reise für mich und meine Frau, welche mich begleiten muss, da ich allein nicht reisen kann und darf selbst bezahlt. Da mein Spargeld aufgezehrt ist, kann ich mir die Reise nicht leisten, so erlaube ich mir mich an Sie zu wenden, mit der Bitte die Reisekosten für mich und meine Frau und mit der Lufthansa oder auch per Schiff erstatten zu wollen. .."

Die Reise für das Ehepaar hätte damals circa 4.000 D-Mark gekostet, wie aus den Akten des Oberbürgermeisters hervorgeht.
Schlapper antwortete am 17. Januar 1968
"Von Ihren Ausführungen … habe ich mit Interesse Kenntnis genommen und mich durch Herrn Gustav Müller … informieren lassen. Die Übernahme der Reisekosten … nach Bad Wiessee …, ist leider nicht möglich, da entsprechende Mittel im Haushaltsplan der Stadt nicht zur Verfügung stehen. Ich bedauere daher außerordentlich, Ihrem Antrag nicht entsprechen zu können.
Mit vorzüglicher Hochachtung.
Der Oberbürgermeister Dr. E. Schlapper"

Es ist nicht ersichtlich, ob Schlapper sich um andere Geldquellen wie beispielsweise einen privaten Spender bemühte. Die Antwort lässt auf eine wenig teilnehmende Haltung in Hinsicht auf die Schicksale jüdischer und anderer verfolgter Mitbürger während der Nazi-Herrschaft schließen.

Quellen/Literatur:

StABAD A23/45; StABAD A24/705; StABAD A28/3-206; StABAD A5/Meldekarte; StAF F 196/1 Nr. 1490; StAF P 303/4 Nr. 353; StAF F 175/1 Nr. 422

Hier wohnte
SIMON ACKERMANN
JG. 1904
FLUCHT 1939
ENGLAND



Stolperstein Stephanienstraße 5 , verlegt am 18. Oktober 2021