geb. 19. September 1864 in Kobylin
Goldschmidt, Friedrich (gest. 13. Juni 1902)
Goldschmidt, Fritz Johannes
Schultze, Bertha Sophie, geb. Goldschmidt
Erzieherin
Kapuzinerstraße 3 (1907-1941, aus Berlin kommend, nach Mannheim)
Nach der 2. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen mussten jüdische Deutsche vom Januar 1939 an den zusätzlichen Vornamen Israel oder Sara annehmen. Bei der in Baden-Baden seit 1907 wohnhaften Johanna Goldschmidt, die 1921 aus der evangelischen Kirche ausgetreten war, kamen Zweifel auf, ob nicht auch auf sie diese 2. Verordnung zutreffe. Sowohl ihr Geburts- wie auch ihr Ehename deuteten auf „jüdische Wurzeln“ hin. Johanna oblag es nun, entsprechende Nachweise vorzulegen, die eine Befreiung von der Verordnung rechtfertigten. Dies war insbesondere deswegen schwierig, weil ihre Eheschließung in den USA stattgefunden hatte und die weiteren notwendigen Nachweise nur unter großen Schwierigkeiten in Polen erhoben werden konnten.
All dies beschrieb Johanna Goldschmidt dem Polizeidirektor in Baden-Baden in einem Brief vom 24. April 1939: "24.04.1939 Mein Vater Kaufmann Adolf Schoeps war Nichtarier und wohnte in Kobelyn, jetzt polnisch. Er hat sich mit meiner Mutter Sofie, geb. Rosenbaum 1849 verheiratet. Meine Mutter war evangelisch und eine Enkelin des 1825 verstorbenen herzoglichen Polizeirats Reis in Braunschweig, der mit einer geborenen d’Avant, vermutlich eingewanderte Hugenottin, verheiratet war.
Wir waren 12 Geschwister und wurden alle christlich (evangelisch) getauft und erzogen. Irgendwelcher jüdischer Kult wurde im elterlichen Haushalt nie getrieben und war uns völlig fremd. Meine Eltern waren fleißig und sparsam und bestrebt, ihre Kinder etwas lernen zu lassen. Vier Brüder haben studiert, zwei Schwestern und ich machten das Examen als Erzieherinnen und gingen ins Ausland. Ich selbst kam 1892 nach New York als Lehrerin an einer Schule, nachdem meine Schwester diesen Posten wegen ihrer Verheiratung aufgegeben hatte und ich an ihre Stelle trat.
1900 lernte ich in USA meinen späteren Mann, Generaldirektor Friedrich Goldschmidt von der Patzenhofer-Brauerei Berlin kennen, mit dem ich mich in der Deutsch-Evangelischen Kirche Brooklyn von dem in USA sehr bekannten evangelischen Pfarrer Dr. Loch trauen ließ. Die Familie meines Mannes war seit Generationen evangelisch. Meines Mannes Großvater war Staatsrat Kunth, der Erzieher und Freund von Alexander und Wilhelm von Humboldt sowie Mitarbeiter des Freiherrn von Stein.
Ich habe mich ernstlich und redlich bemüht, die amtlichen Unterlagen als Beweisstücke für seine Angaben zu beschaffen, die diesbezüglichen Anträge werden aber der Reihe nach erledigt und nach Mitteilung der Behörde in Berlin rangiert mein Antrag unter der Nummer 27073. Außer der Reihe werden Anfragen nicht behandelt. Persönliche Nachforschungen im jetzigen Polen sind zurzeit nicht möglich, da weder eine Ausreise- noch eine Einreisegenehmigung zu erhalten ist.
Seitens der Reichsbank wird verlangt, dass ich mein in den USA festliegendes Vermögen flüssigmache und nach Deutschland verbringe. Da es sich um angefallene Grundstücke handelt, ist meine persönliche Anwesenheit in USA unumgänglich, denn ich kann das Eigentumsrecht nur persönlich antreten und auch die Veräußerung der Grundstücke nur persönlich durchführen. Hierzu benötige ich aber einen Auslandsreisepass, dessen Ausstellung ich beantragt habe.
Ich habe mich bereit erklärt, die Grundstücke zu veräußern, trotzdem der Grundstücksmarkt in USA zurzeit sehr schlecht sein soll."
Als intensive Nachforschungen in Archiven und Kirchenbuchstellen ergaben, dass nicht nur der Vatername Schoeps und der Muttername Rosenbaum „rein jüdisch klangen“, sondern zumindest der Vater Schoeps in Berlin „als unarisch“ gemeldet gewesen war, versuchte Johanna Goldschmidt, ein Auswanderungsvisum zu erhalten. Wegen Verstoßes gegen die Namensänderungsverordnung wurde sie am 20. August 1940 vom Amtsgericht Baden-Baden zu 20,- RM Strafe, ersatzweise vier Tagen Gefängnis verurteilt. Am 16. April 1941 verzog Johanna Goldschmidt ins Israelitische Krankenhaus nach Mannheim.
Weiteres Schicksal unbekannt.
StABAD A5/Meldekarte; StABAD A23/41; StABAD A23/33; StABAD A26/21-78;