geb. 11.09.1889 in Westerburg (Weilburg), gest. 26.07.1940 in Grafeneck (offiziell: Hartheim/Donau)

Weitere Angehörige:

Geschwister:
Goltz, Joachim von der

Beruf:

Künstlerin

Adressen:

Schützenstraße 38 (von Berlin-Schöneberg kommend, 1919, von Schöneberg kommend 1921-1930, nach Achern (Illenau))

Weiteres Schicksal:

Am 26. Juli 1940 in Grafeneck ermordet

Ursula von der Goltz, 1889 in Westerburg im Westerwald geboren, stammte aus der ersten Ehe ihrer Mutter mit dem preußischen Landrat Freiherrn Friedrich von der Goltz. Drei Jahre später kam ihr Bruder Joachim zur Welt.

Im Gegensatz zu Ursula gelang es ihrem Bruder sein Leben zu meistern. Unmittelbar nach seiner Promotion als Jurist in Greifswald nahm er als Offizier und Kriegsberichterstatter am Ersten Weltkrieg teil. Seine Kriegslyrik mit dem Titel "Deutsche Sonette" machte ihn 1916 bekannt. Nach dem Krieg ließ er sich in Obersasbach bei Achern nieder und setzte seine Arbeit als Schriftsteller fort. Neben literarischen und geschichtsphilosophischen Studien verfasste er Romane und Dramen, aber auch Kinderbücher und trat als Übersetzer von Stendhal hervor. Sein Drama "Der Rattenfänger von Hameln" wurde im Theater Baden-Baden aufgeführt, wo er als Dramaturg tätig war. 1940 erhielt er den Literaturpreis von Berlin, 1972 verstarb er in Obersasbach.

Als Ursula sieben Jahre alt war, heiratete ihre Mutter in Berlin in zweiter Ehe den Arzt Dr. Georg Groddeck, der vielen als Begründer der Psychosomatik gilt. Im Jahr 1900 zog die Familie nach Baden-Baden, wo Dr. Groddeck in der Villa Marienhöhe in der Werderstraße ein Sanatorium eröffnete, das er bis zu seinem Tod 1934 leitete.

Dr. Groddeck war der erste Mediziner, der die Erkenntnisse und Methoden der Psychoanalyse auf die Behandlung körperlich Kranker anwandte. Manche bezeichneten ihn sogar als "Wunderdoktor" oder "Heiler von Baden-Baden". Seine Behandlungsmethoden waren jedoch durchaus umstritten.

Ursula besuchte das Viktoria-Pensionat (heute Pädagogium), das zur Ausbildung von "Töchtern besserer Stände" gegründet worden war. Anschließend studierte sie Musikwissenschaft, ohne jedoch einen Abschluss zu machen. Später bildete sie sich als Sängerin aus und verbrachte einige Zeit in Berlin. Im Jahr 1921 kam sie wieder nach Baden-Baden zurück und lebte äußerst zurückgezogen mit ihrer Mutter zusammen. Ihr Stiefvater Dr. Groddeck war bereits aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, den Kontakt zu ihm brach sie ab. Bald darauf ließ sich ihre Mutter im Jahre 1923 wegen "tiefer Verletzung der ehelichen Pflichten" scheiden. In den Scheidungsakten heißt es: "Die Gewohnheiten ihres Mannes seien durch den regen internationalen Verkehr freier geworden als es sich mit den Begriffen von Frauenwürde und Frauenehre vertrage." Bereits vier Monate später ging der Stiefvater eine zweite Ehe ein. Ursula musste also gleich zweimal das Scheitern ehelicher Beziehungen erleben.

Im Jahr 1930 wurde Ursula auf Antrag ihrer Mutter in die Heil-und Pflegeanstalt Illenau eingewiesen. Der Bezirksarzt, der sie einwies, bescheinigte ihr eine schwere geistige Erkrankung mit Zerfahrenheit, Wahnideen, Selbstüberschätzung und Halluzinationen. Vom Stiefvater war sie zuvor psychoanalytisch behandelt worden, jedoch ohne Erfolg. Ursula bildete sich sogar ein, von ihm schwanger zu sein. Sie wehrte sich gegen den Aufenthalt in der Anstalt und sah darin eine Intrige ihrer Mutter. Sie warf ihrer Mutter vor, sie hätte sie ständig in ihrer Entwicklung gehindert und sei eifersüchtig auf sie. Außerdem sie habe ihr ihre Stimme genommen und ihr die Noten entwendet, sodass sie nun nicht mehr in der Lage sei zu singen. Dabei sei sie als Künstlerin ausgebildet, habe am Theater in Baden-Baden schon eine Stelle gehabt, allerdings ohne Lohn. Ursula drohte den Eltern sogar mit einem Prozess, sie warf ihnen vor, sie hätten ihre Gesundheit geschädigt.

In den Krankenakten ist als ein Beispiel für ihre Wahnvorstellungen vermerkt: Als in Düsseldorf nach einem Kindermörder gesucht wurde, wandte sie sich schriftlich an die dortige Polizeidirektion, weil sie glaubte, diesen beschreiben zu können. Offenbar von der Anstalt nicht versandte Briefe belegen ihre rege Korrespondenz u. a. mit dem französischen Journal "Le Matin" in Paris, dem sie französische Gedichte schickte, oder mit ihrem Lehrer Maestro Maratti in Mailand.

Ursula erhielt von ihrer Mutter regelmäßig monatlich 150 Mark, die diese sich mühsam erspart und erarbeitet hatte. Bisweilen hatte Ursula auch freien Ausgang. Über einen Ausflug nach Basel, der nach Auffassung der Mutter "völlig überflüssig" gewesen sei, entwickelte sich ein heftiger Streit. Die Mutter bezeichnete diesen Ausflug angesichts der angespannten finanziellen Verhältnisse als "der pure Wahnsinn."

Ursula erreichte ihre Entlassung aus der Anstaltspflege nicht, die sie wiederholt und vehement verlangte. Am 26. Juli 1940 wurde sie in Grafeneck ermordet.

Quellen/Literatur:

StABAD A5/Meldekarte; StAF B 821/2 Nr. 20208; Zentrum für Psychiatrie Emmendingen Entlassliste