Baden-Baden 23. Februar 1901 - 1952 Chicago

Eltern:

Herrmann, Klara Agathe, geb. Marx (geb. 25.12.1879 in Mannheim, gest. 18.01.1956 in Chicago)
Herrmann, Carl Theodor (geb. 28.5.1863 in Venningen, gest. 20.9.1925)

Kinder:

keine

Weitere Angehörige:

Geschwister:
Herrmann, Edith (geb. 5.3.1905 in Baden-Baden, gest. Mai 1970 in Chicago)

Beruf:

Arzt

Adressen:

Schillerstraße 19 (1901-1921, dazwischen immer wieder Freiburg, dann nach München)
Schillerstraße 19 (von München kommend, 1922, nach Frankfurt)
Schillerstraße 19 (von Heidelberg kommend 1928, nach Frankreich)

Weiteres Schicksal:

1928 Emigration über Straßburg nach Santo Domingo und Port Chester, schließlich New York

Bruno Willy Herrmann kommt 1901 in Baden-Baden zur Welt und wächst in der Schillerstraße 19 auf. Wie sein Neffe später schreibt, spielt er als Kind mit großer Leidenschaft Cello. Sein Medizinstudium führt ihn ab 1919 nach Freiburg, München und Frankfurt, wo er am Senckenbergischen Pathologischen Institut der Universität Frankfurt sein Studium im Juli 1924 mit der Promotion abschließt. Im darauffolgenden Jahr stirbt sein Vater, der Bankier Carl Theodor Herrmann, der ihn als Testamentsvollstrecker bzw. Vermögensverwalter eingesetzt hat - eine Tatsache, die ihm später zum Verhängnis wird. Zum Herrmann'schen Besitzstand gehören damals auch die Immobilien Fremersbergstraße 10 und Schillerstraße 19.
Bevor sich Willy als Arzt niederlässt, ist er - wie sein Neffe berichtet - zunächst als Schiffsarzt unterwegs; seine Reise führt ihn dabei über Afrika nach Japan.

Laut Meldekarte kehrt Willy im März 1928 von Heidelberg nach Baden-Baden zurück. Im selben Jahr eröffnet er im elterlichen Haus in der Schillerstraße eine eigene Praxis als Facharzt für Kinderkrankheiten; im städtischen Adressbuch ist er hier von 1928 bis 1932 nachweisbar.

1933 wird ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses eingeleitet, woraufhin Willy Herrmann ins Ausland flüchtet (laut Meldekarte am 17. Juni 1933); wohl zunächst nach Straßburg und von dort über Santo Domingo nach Port Chester bei New York (April 1934). Über Straßburg, wo die Briefe nicht zensiert werden, erreichen Willy auch die Briefe u. a. seiner Familie: häufig verzweifelte Bitten von Mutter und Schwester um Geldzuwendungen oder anderweitige Unterstützung, vor allem aber tragische Schilderungen ihrer desperaten Lage in Deutschland. Wie aus den späteren Schilderungen von Willys Neffe hervorgeht, erlaubt die Finanzlage seines Onkels jedoch keine großen Geldsendungen nach Europa: Seine Praxis trägt sich kaum, da zahlreiche Patienten aufgrund der Wirtschaftskrise zahlungsunfähig sind und die ausstehenden Rechnungen nicht begleichen können. Willys Monatseinkommen beläuft sich, wie aus einem Affidavit für seine Schwester Edith hervorgeht, auf $150.

Seiner Schwester Edith gelingt es, ihrem Bruder eines seiner zwei Celli in die USA zu schicken. Das zweite, ein Guarnieri Cello, muss sie verkaufen.

Gegen den in Now York lebenden Mediziner wird als Miteigentümer der Villa Edith (Schillerstraße 19) und als Testamentsvollstrecker/Vermögensverwalter Anklage erhoben; das Haus wird mit einer Sicherheitshypothek belegt, das Vermögen beschlagnahmt und eingezogen; ein Gerichtsverfahren am "Sondergericht" Mannheim wird angesetzt. Durch Urteil dieses Sondergerichts Mannheim vom 27. Juni 1938 wird Willy Herrmann in Abwesenheit wegen Verstoßes gegen das 'Gesetz gegen Verrat der Deutschen Volkswirtschaft' und wegen Devisenvergehens zu zwei Jahren Gefängnis und 50.000 RM Geldstrafe verurteilt. Die Summe, die durch den Zwangsverkauf der Hermannschen Aktien und Anleihen erzielt wird, fließt auch in die Deckung dieser Geldstrafe. Wie aus einem Eintrag in der Meldekarte hervorgeht, wird Willy Herrmann 1939 die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt.

Aus einem Brief vom 5. Feb. 1941, den Willy mit seiner inzwischen ebenfalls in die USA geflüchteten Schwester Edith an ihre Mutter Klara ins Lager Gurs schreibt, geht hervor, dass sich Willys finazielle Situation nicht gebessert hat: Die Praxis läuft nicht gut, und er arbeitet drei Tage in der Woche im Krankenhaus in New York. Er und seine Schwester haben Port Chester inzwischen verlassen und leben jetzt in getrennten Wohnungen in New York. Willy gibt (vermutlich 1942) die Praxis endgültig auf und heuert als Schiffsarzt bei der Handelsmarine an, wo er nunmehr ein festes Einkommen bezieht.

Nachdem 1942 auch der Mutter die Emigration geglückt ist, zieht die Familie nach Chicago. Willy arbeitet dort zusammen mit vielen anderen europäischen und chinesischen Emigranten am American Hospital, am Ruch Presbyterian St. Luke's Medical Center und einige Tage pro Woche auch am Downey Veterans Hospital der Great Lakes Naval Station. Wann immer er kann - so schreibt sein Neffe -, spielt er Cello in Kammermusik-Ensembles mit anderen Ärzten. Das kleine Stadthaus, in dem sie leben, enthält viele vertraute Möbel und Gemälde, die Edith im Container hatte mitnehmen können - eine kleine Erinnerung an die große, alte Villa in Baden-Baden. Mit 51 Jahren stirbt Willy, vier Jahre vor seiner Mutter.

Quellen/Literatur:

StABAD A23/38; StABAD A5/Meldekarte; StAF F 196/1 Nr. 3262; StAF F 196/1 Nr. 4837; StAF P 303/4 Nr. 499; GLAKA 480 Nr. 1222; Nicholas H. Sommer (Neffe Willy Herrmanns): A Farewell Waltz. Two Women an Their Ardous Exodus from Nazi Germany, USA Selbstverlag 2022;