geb. 18. Dezember 1894 in Baden-Baden

Eltern:

Kaufmann, Therese, geb. Hammel
Kaufmann, Max

Weitere Angehörige:

Geschwister:
Kaufmann, Rosa
Zivy, Elsa, geb. Kaufmann
Kaufmann, Siegfried

Beruf:

Kauffrau

Adressen:

Lichtentaler Straße 34 (1894-1940)

Weiteres Schicksal:

Am 22. Oktober 1940 Deportation nach Gurs, 1941 USA

Bild(er):

Die am 18. Dezember 1894 in Baden-Baden geborene Karolina "Lina" Kaufmann hatte einen Bruder, Sigfried (1911 nach Frankreich verzogen) und zwei Schwestern, Rosa (geb. am 7. März 1892) und Elise (geb. am 3. Januar 1894). Sie waren die Kinder des Metzgermeisters Max Kaufmann und seiner Ehefrau Therese geb. Hammel.
Über ihren Werdegang schrieb sie in ihrem Lebenslauf, den sie für die Beantragung eines Reisepasses im Juli 1940 verfasste:

"Ich bin geboren am 18. Dezember 1894 zu Baden-Baden als Tochter des Metzgermeisters Max Kaufmann und seiner Ehefrau Therese, geb. Hammel, beide wohnhaft in Baden-Baden und deutscher Staatsangehörigkeit.
Vom Jahre 1901-1911 besuchte ich die 10 Klassen der Höheren Mädchenschule in Baden-Baden. Hernach betätigte ich mich im elterlichen Geschäft und Haushalt. Es war mir auch Gelegenheit geboten, das Nähen (Weißnähen und Kleidermachen) zu erlernen. Da ich die Absicht hatte mich kaufmännisch zu betätigen, erlernte ich Stenographie und Maschinenschreiben sowie bei Herrn Handelslehrer Stärk die nötigen Handelsfächer (Buchführung).
Vom 1. Oktober 1917 bis 31. März 1919 war ich in der Buchhaltung der Mitteldeutschen Creditbank, Filiale Baden-Baden, vormals Meyer & Diss, beschäftigt. Ich habe diese Tätigkeit aufgegeben, weil ich am 1. April 1919 als Mitinhaberin der Firma J. Herrmann, o.H., Schuhgeschäft in Baden-Baden, Sophienstraße 8 (Leopoldsplatz) (welche Firma für mich und meine beiden Schwestern käuflich erworben wurde) deren kaufmännische Leitung übernahm."

Lina und ihre unverheiratete Schwester Rosa wohnten gemeinsam in einer Wohnung in der Lichtentaler Straße 34, deren gehobener Charakter durch die Beschreibung in einer späteren Klageschrift deutlich wird. An Inventar sind ein "barockes Büffet, ein Klavier, ein Teetisch aus Mahagoni, ein Samowar, ein schon abgenützter Teppich, ein Notenschrank, vom Schreiner passend angefertigt, ein Rosenthal-Kaffeeservice für 12 Personen, Gläser, Notenhefte, darunter Wagner- und Weber-Frühausgaben u.a. ca. 130 Bände, ein altes Schreibpult, ein Familienstück, zwei Ölgemälde nach dem Leben gemalt, die Grosseltern Kaufmann darstellend, usw." aufggelistet - Gegenstände, die im Ganzen ein wohlgeordnetes bürgerliches Leben und großes musikalisches Interesse bezeugen. Ihr Vater Max Kaufmann habe außerdem noch einen Acker von 10 Ar in Sandweier besessen.

In ihrem Lebenslauf fährt Lina fort: "Infolge eines im Jahre 1925 mit den Besitzern des Hauses Sophienstraße 8 auf 12 Jahre abgeschlossenen und durch die Krisenjahre 1930-32 unerfüllbar gewordenen Nießbrauchvertrags, musste die Firma J. Herrmann, trotz restlosen Einsatzes unseres Privatvermögens, die Zahlungen einstellen, um einen gerichtlichen Vergleich herbeizuführen, der, da er nicht zustande kam, in Konkurs überging.
Im Frühjahr 1933, nach Beendigung des Konkursausverkaufs (der Konkurs war am 2. Dezember 1932 eröffnet worden) stand ich einem Nichts an Vermögen und Existenz gegenüber. Das elterliche Haus, Lichtentaler Straße, kam im Frühjahr 1933 in Zwangsverwaltung als weitere Folge des Konkurses der Fa. J. Herrmann und ging uns im Jahre 1936 durch Zwangsversteigerung verloren.
Im April 1933 fand ich eine neue Existenz in dem von meinem Schwager, Herrn Eugen Zivy, am 11. April 1933 neu eröffneten Schuhgeschäft hier, Lichtentaler Straße 9 (Haus Kuhn), in welchem mir die Kaufmännische Leitung übertragen war. Dieses Geschäft bestand bis Herbst 1938, in welchem es, infolge der Gesetze jüdische Geschäfte betreffend, durch Total-Ausverkauf aufgelöst wurde."

In einer eidesstattlichen Versicherung, abgegeben 1960 in New York im Zusammenhang mit einer Restitutionsklage, präzisierte Lina die Vorgänge: "Einer seit 1872 in Baden-Baden ansässigen geachteten Familie angehörend, haben meine Schwester und ich einen großen Bekannten- und Freundeskreis in der christlichen und jüdischen Bevölkerung gehabt. Sowohl in der Stadt als auch in der Umgebung. Auch als die früheren Mitinhaberinnen der Firma J. Herrmann, Schuhgeschäft, Sofienstrasse 8 in Baden-Baden waren wir wohlbekannt. Mein Schwager Eugen Zivy, ansässig in Baden-Baden vom 1920 bis 1932, hatte ebenfalls viel Bekannte und Freunde dorten. Er war aktives Mitglied der Liedertafel "Aurelia" und Mitglied der Sportvereinigung. Unter normalen politischen Verhältnissen hätten sich diese Beziehungen auch geschäftlich ausgewirkt, aber der antisemitischen Hetze haben nur wenig dieser Beziehungen standgehalten. Es ist häufig vorgekommen, dass Leute beim Betreten des Geschäfts sofort fragten: "Ist dies ein arisches Geschäft?" es bei der Verneinung unverzüglich verliessen. Später wurden die christlichen Geschäfte durch Plakate: ‚Arisches Geschäft' gekennzeichnet."
Negativ wirkte sich die eigentlich verkehrsgünstige, zentrale Lage des Ladens direkt am Leopoldsplatz aus, wo sich "ein grosser Teil des politischen Lebens und Treibens abspielte. Das unser Geschäft betretende Publikum konnte sehr leicht von allen Seiten des Leopoldplatztes aus beobachtet werden, was natürlich viele Leute davon abgehalten hat unser Geschäft aufzusuchen."

Nachdem das Schuhgeschäft hatte aufgegeben werden müssen, wurde auch die gesamte Wohnungseinrichtung in der Lichtentalerstraße 34 beschlagnahmt, Schmuck und Edelmetalle mussten abgeliefert werden.
Rosa und Lina Kaufmann waren jetzt arbeitslos. Einige kurzfristige Aushilfstätigkeiten, für die sie jeweils sehr gute Zeugnisse erhielten, hielten die Schwestern über Wasser. Bis in den Juli 1940 hinein bemühten sie sich vergeblich um Erhalt von Auswanderungspapieren in die USA. Dorthin wollten sie zu ihrer Schwester und ihrem Schwager reisen, nachdem diese ihnen die entsprechenden Bürgschaften gestellt hatten. Am 22. Oktober 1942 wurden Lina und Rosa Kaufmann nach Gurs deportiert.

In einer eidesstattlichen Versicherung vom 10. Februar 1958 beschreibt Lina Kaufmann die Verschlimmerung rheumatischen Beschwerden durch die Zustände im Lager Gurs: "Die Baracken, in welchen wir lebten, waren ohne jegliches Fundament direkt über Grass und Waldboden errichtet. Durch die Ritzen des primitiven Bretterbodes war das Gras und die Wasserlachen zu sehen. Wir schliefen auf etwa 4 - 5 cm dicken Matratzen, welche direkt auf dem Fussboden lagen. Das Dach und die Wände, ebenso primitiv, waren meistens schadhaft. Im Winter, der bitterkalt war, waren die Barracken meistens ungeheizt, zu allen Jahreszeiten zugig und immer, selbst im heissen Sommer, feucht und die Nächte kalt und die Waschräume ebenso primitiv und zugig und das Wasser kalt."

Lina Kaufmann wurde bis 8. Juli 1941 in Gurs festgehalten. Danach wurde sie nach Marseille entlassen, von wo sie am 22. Oktober 1941 in die USA zu Schwester und Schwager auswandern konnte. Ob Lina Kaufmann noch einmal zurück nach Baden-Baden kam oder wann sie in New York verstorben ist, wissen wir nicht.

Quellen/Literatur:

StABAD A23/45; StABAD A5/Meldekarte; StABAD A23/37; StAF P 303/4 Nr. 30

Hier wohnte
KAROLINE KAUFMANN
JG. 1894
DEPORTIERT 1940
GURS
FLUCHT 1941
USA

Stolperstein Lichtentaler Straße 34, verlegt am 21.05.2025