geb. 03.12.1884 in Gaggenau (Hörden), gest. 22.06.1974

Eltern:

Nachmann, Regina, geb. Lazarus
Nachmann, Abraham (geb. 5. Mai 1838 Hörden - 19. Mai 1913 Baden-Baden)

Kinder:

Nachmann, Max
Nachman, Irene

Adressen:

Sophienstraße 18 (1910-1913)
Lichtentalerstraße 14 (1913-1936)

Weiteres Schicksal:

Am 29. Januar 1936 Flucht in die Schweiz, später nach Palästina

Bild(er):

Zu Fuß in die Emigration

Bei Robert Nachmann kam der Alltag in Deutschland zu einem abrupten Ende. Als dem Inhaber des Spielwarengeschäfts "Schwarzwald-Bazar" im Januar 1936 ein angebliches Devisenvergehen zum Vorwurf gemacht wurde, flüchtete er Hals über Kopf über Frankreich in die Schweiz. Schließlich wurde Haifa zur neuen, zunächst ungeliebten Heimat.

Der "Schwarzwald-Bazar" war die Adresse schlechthin für Spielwaren in Baden-Baden. Käthe-Kruse Puppen und Steifftiere, aber auch Kuckucksuhren und elektrische Eisenbahnen waren bei Kurgästen, Messebesuchern und Bürgern besonders gefragt. Reichere Kurgäste ließen Robert Nachmann mit einer Auswahl Spielwaren gerne zu sich ins Hotel kommen. Zu den Kunden aus dem Ausland zählten Engländer und Amerikaner - unter ihnen u. a. Henry Ford, der einmal 50 Kisten Schwarzwalduhren bestellte, - so dass sich auch das Versandgeschäft als sehr einträglich entwickelte. Stolz waren die Nachmanns darauf, dass vor dem Ersten Weltkrieg der Kronprinz, Prinz Max von Baden, und der König von England bei ihnen Einkäufe tätigten. Zum Baden-Badener Kundenstamm gehörten der Rennstallbesitzer Haniel und der Plantagenbesitzer Hermann Sielcken mit seiner Frau.

Nach 1933 war nicht wenigen Parteigenossen das gut gehende Geschäft ein Dorn im Auge. Da war es nicht überraschend, dass man versuchte, dem Geschäftsmann das Leben schwer zu machen. "Nur mit Spazierstock und Hut", um kein Aufsehen zu erregen, ging er zu Fuß über die Grenze nach Frankreich, als ihm ein Devisenverfahren angehängt wurde. Das erzählte er später den Enkeltöchtern. Seine Frau und Tochter Irene folgten einen Tag später - mit nicht mehr als einem Koffer - zu Freunden nach Basel. Dort trafen sie auch Sohn Max wieder, der zu diesem Zeitpunkt Jura in Grenoble studierte. Ein Daueraufenthalt in der Schweiz wurde der Familie aber nicht gewährt.

Flucht nach Haifa

Schließlich fanden die Nachmanns ein neues Zuhause in Palästina, wo sich die Familie völlig umorientieren musste. Ehefrau Frieda starb 1939 in Haifa. Sohn Max konnte sein in der Schweiz begonnenes Jurastudium nicht fortführen und der Traum von Tochter Irene, Ärztin zu werden, ging nicht in Erfüllung. Stattdessen begann sie eine Schneiderlehre.
Robert Nachmann gelang es nicht mehr, ein neues Geschäft zu gründen, denn seine finanziellen Mittel reichten dazu nicht aus. Auch die Unkenntnis der hebräischen Sprache erwies sich als allzu großes Hindernis.

Ende 1935 wurde gegen Robert Nachmann ein Ermittlungsverfahren wegen Devisenvergehens geführt. Er hatte unter fingiertem Namen bei der Hermannbank in Baden-Baden, im Besitz seines Schwiegervaters, ein Depot mit schweizerischen Wertpapieren geführt, es bei der Finanzverwaltung jedoch nicht – wie vorgeschrieben – angemeldet. Der Verdacht bestand, dass Robert den Depotbetrag aus seinem Betrieb entnommen und somit Umsatz und Gewinn bei seiner Steuererklärung zu niedrig angegeben habe.
Während der Prüfung der Geschäftsunterlagen durch zwei Zollfahndungsbeamte täuschte Nachmann einen ärztlichen Termin in Karlsruhe vor. In Wahrheit holte er im dortigen französischen Konsulat vorbereitete Einreisevisa ab. Als am anderen Morgen, dem 30. Januar 1936, die Zollfahnder ihre Arbeit fortsetzen wollten, informierte sie eine Angestellte, dass Robert Nachmann mit Frau und Kind mit dem Zug in Richtung Basel abgereist sei. Tatsächlich hatte Nachmann zur selben Zeit schon die Grenze in Kehl mit seinem Auto überfahren und sich so in Sicherheit gebracht.
Eine Überprüfung des Steuerfahndungsfalls nach dem Krieg ergab, dass kein Anlass bestand, das Steuerermittlungsverfahren gegen Nachmann aufrecht zu halten.
Der Schwarzwaldbasar wurde durch das Finanzamt weitergeführt, um mit dem Erlös die angeblichen Steuerrückstände zu tilgen.

Das zur Hälfte im Eigentum von Frieda und Robert Nachmann stehende Haus Lichtentaler Straße 14 wurde zwangsversteigert und von Hubert Herr, Uhrenfabrikant in Triberg, für 46.500 RM, knapp unter dem Schätzwert von 50.000 RM für die Haushälfte erworben. Das Geschäft „Schwarzwaldbasar“ übernahm Erich Bürk aus Baden-Baden.

Auch das Grundstück mit Anwesen der Ehefrau Frieda (Fürstenbergallee 4) wurde zwangsversteigert. Die Erlöse aus den Versteigerungen wurden zur Deckung der fast 70.000 RM betragenden Reichsfluchtsteuer verwendet.
Nach dem Tod von Frieda, am 7. Juni 1939, heiratete Robert Nachmann 1941 in Haifa ein zweites Mal.

Quellen/Literatur:

StABAD A5/Meldekarte; StAF F 196/1 Nr. 3604

Hier wohnte
ROBERT NACHMANN
JG. 1884
FLUCHT 1936 SCHWEIZ PALÄSTINA
ÜBRLEBT


Stolperstein Lichtentaler Straße 14, verlegt am 08.11.2013