geb. 15.04.1884 in Breslau, gest. 29.12.1939 in London
Neumann, Hulda, geb. Fischer
Neumann, David
Luisenstraße 18 (aus Nervi/Italien kommend, 1915, als Kurgast)
Werderstraße 1 (1915-1916, in die Schweiz)
Kronprinzenstraße 3 (1917)
Katzensteinstraße 1 (1917-1918, nach Neunburg)
Katzensteinstraße 1 (1919)
Luisenstraße 2 (1919)
Werderstraße 11 (1919-1920)
Vincentistraße 12 (1920-1921)
Luisenstraße 20 (1921-1927)
Ludwig-Wilhelm-Straße 1 (1926-1938, nach San Remo)
1938 Emigration nach San Remo, dann England
Wilhelm Neumann, am 15. April 1884 in Breslau geboren, lebte vom 6. bis 20. Lebensjahr in Dresden. Nach dem Abitur studierte er Medizin in München, Breslau, Freiburg und Turin, wo er 1912 sein medizinisches Staatsexamen ablegte. Danach ließ er sich als Arzt in Nervi bei Genua nieder. Nach Italiens Kriegseintritt 1915 wurde er ausgewiesen und gelangte nach Baden-Baden, wo er im Reservelazarett die Röntgenabteilung leitete. Nach Kriegsende machte er sich bald als Radiologe in dem Kurort einen Namen. Sein beruflicher Erfolg erlaubte es dem Kunstfreund, sich 1926 ein repräsentatives Haus, das Anwesen Ludwig Wilhelmstr. 1, zu kaufen. Im Erdgeschoss unterhielt er eine gut gehende Praxis sowohl für Kassen- wie Privatpatienten. Im 1. Geschoss war seine Privatwohnung, die er zusammen mit seiner Frau zu einem "Museum" machte, wie ein Freund feststellte - mit Gemälden, Kunstgegenständen, Antiquitäten und "einer großen, wertvollen Bücherei". Neben dem Beruf fand Neumann außerdem Zeit zum Schreiben. 1928 erschien u. a. "Laterne", ein Band mit Aphorismen, die einen optimistischen, weltoffenen Geist erkennen lassen. Er äußert sich zu vielfältigen gesellschaftlichen Themen.
Doch 1933 ändert sich seine Situation in großem Tempo, seine Existenz wurde zerstört: Bereits am 1. April 1933 wurden mehrere Zettel mit der Aufschrift "Judenladen" in roter Farbe an seinem Haus angebracht, zwei Boykottposten aufgestellt und Aufrufe des Aktionskomitees der NSDAP Baden-Baden verteilt. Wilhelm Neumann verlor nach 1933 seine Kassenpraxis und bald auch den wesentlichsten Teil seiner Privatpraxis. Als Konsequenz baute er sich ein zweites Standbein in San Remo auf und praktizierte nur noch in den Sommermonaten in Baden-Baden.
1937 leitete die Gestapo gegen Wilhelm Neumann ein Verfahren bei der Staatsanwaltschaft Karlsruhe wegen Vergehens gegen das "Gesetz zum Schutz des Deutschen Blutes und der Deutschen Ehre" ein. Das kinderlose Ehepaar Neumann hat zur nichtjüdischen Sprechstundenhilfe Betty Baer ein inniges Verhältnis und sie als Adoptivtochter in ihren Haushalt aufgenommen. Wie andere Ärzte wollte man ihn mit einem Verfahren wegen angeblicher Rassenschande einschüchtern und warf ihm vor, er habe seiner nichtjüdischen Assistentin in seinem Haus eine Unterkunft angeboten. Wilhelm Neumann musste unzählige Verhöre über sich ergehen lassen und Anpöbeleien und Schikanen in der Öffentlichkeit erdulden Da er eine polizeiliche Genehmigung vorweisen konnte, wurde das Verfahren schließlich eingestellt. Nichtsdestotrotz erzielte es seinen beabsichtigten Zweck: die Erniedrigung der jüdischen Mitbürger. 1938 nutzte er einen Krankentransport nach San Remo, um in Italien zu bleiben. Seiner Frau oblag es, das Anwesen zu verkaufen, was deutlich unter Wert (Einheitswert: 35.000 RM; Verkehrswert: 80.000 RM, Verkaufserlös: 35.000 RM) veräußert werden musste.
Aber auch im faschistischen Italien war Neumann nicht sicher: ausländische Juden sollten das Königreich bis zum 13. März 1939 verlassen. Er floh nach England, und wieder kamen seine Frau und Betty nach. Visa waren inzwischen schwer zu bekommen, der Zweite Weltkrieg war ausgebrochen. Als sie endlich im November 1939 eintrafen, war Wilhelm Neumann todkrank: Stressbedingt war die Tuberkulose, die er sich in der Jugend zugezogen hatte, wieder aufgebrochen und äußerte sich in einer Meningitis.
Der Tod des 55jährigen am 29. Dezember 1939 fand viel Aufmerksamkeit in der englischen Presse, denn die Stadtverwaltung des Kurorts Leamington hatte den renommierten Arzt nur wenige Monate zuvor willkommen geheißen. Man versprach sich von seiner Anwesenheit einen Aufschwung für die Stadt. Es hätte ein Neubeginn sein können...
Bücher von Wilhelm Neumann:
Rätsel Büchlein, München 1924
Mensch und Tier. Tierpsychologische Studien und Erörterungen, Heidelberg 1928
Laterne. Betrachtungen und Bemerkungen von Wilhelm Neumann, Heidelberg 1928
Neues Rätselbuch, zweite, stark vermehrte Auflage des Rätselbüchleins, Zürich und Leipzig, 1928.
StABAD A5 Meldekarten; A26/12-37; A26/12-252; A26/1-116; A23/13; StAF F 196/1 Nr. 5900; StAF F165/1 Nr. 28; StAF F166/3 Nr. 7781;
Schindler, Angelika: Der verbrannte Traum. Jüdische Bürger und Gäste in Baden-Baden, Baden-Baden ²2013, S. 137.
Hier wohnte
DR. WILHELM NEUMANN
JG. 1884
FLUCHT 1938
ITALIEN
ENGLAND
TOT 1939
Stolperstein Ludwig-Wilhelm-Straße 1, verlegt am 21.05.2025