geb. 14. August 1893 in Berlin
Luisenstraße 22 (aus Berlin kommend, 1920-1921)
Luisenstraße 32 (1921, in die Schweiz)
Markgrafenstraße 24 (aus der Schweiz kommend 1921-1924, nach Hannover, aus Hannover kommend, 1933-1939, nach Genf)
Im Juli 1939 Emigration nach Genf
Emilie Augusta Charlotte Fiedler kam am 14. August 1893 in Berlin zur Welt. Die Eltern, die aus Cottbus und Berlin stammten, lebten bis in die zwanziger Jahre in Berlin, bauten dann aber ein Haus in der Schweiz und ließen sich dauerhaft in Lugano nieder. Es war eine wohlhabende evangelische Familie, die auch ein Haus in Baden-Baden besaß. Hier und in England ging Charlotte auch zur Schule. Obwohl sie keine eifrige Schülerin war, sprach sie sieben Sprachen, u. a. beherrschte sie auch die Gebärdensprache.
1920 ließ sich Charlotte Fiedler mit ihrem ersten Ehemann, dem Bremer Maler Georg Wilhelm Bergfeld (Bremen 1887-1944 Bremen), in Baden-Baden nieder. Wenig später wurde die Ehe geschieden. Charlotte blieb in Baden-Baden wohnen, die beiden gemeinsamen Töchter Theresa Liselotte Barbara (geb. 1915 in Berlin) und Margarete Ingeborg (geb. 1918 in Kreuznach) lebten zeitweise bei den Großeltern in Lugano. Später wurden sie in der Stadtkirche Baden-Baden von Pfarrer Karl Hesselbacher konfirmiert.
Während eines Kuraufenthaltes in Baden-Baden lernte Charlotte den Gerichtsassessor Walter Rothschild kennen, und die beiden jungen Leute verliebten sich ineinander. Im November 1922 heirateten sie in Berlin, und Charlotte zog mit ihrem Mann nach Hannover, wo sie mit ihm und seiner Schwester in deren elterlichen Villa wohnte. Bald wurde Sohn Edgar in Hannover geboren, am 11. August 1924.
Obwohl die zwanziger und frühen dreißiger Jahre auch für angehende Richter keine einfache Zeit waren, da es nur wenige dauerhafte Stellen gab, konnte die Familie davon ausgehen, dass sie und ihre Kinder in bürgerlichen Verhältnissen leben würden. Die konfessionellen Unterschiede scheinen kein Thema gewesen zu sein. Aus Briefen geht hervor, dass sowohl jüdische Feste begangen als auch Weihnachten gemeinsam gefeiert wurde: "Das Bäumchen ist noch in meinem Zimmer und noch schön und erinnert uns noch an Euch hier. Auch die Kerzen sind noch ein bißchen da. Wir haben es noch 2 x angezündet und nun können wir es noch 1 x machen."
Ab 1933 änderte sich das Leben der Familie dramatisch. Walter Rothschild wurde zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Die Familie übersiedelte nach Baden-Baden. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde Walter Rothschild mit anderen jüdischen Männern in Baden-Baden durch die Stadt getrieben und dann in Dachau inhaftiert. Er kam am 12. Dezember als gebrochener Mann zurück. Danach wollte die Familie Deutschland auf jeden Fall verlassen und sich in Sicherheit bringen. Edgar war bereits seit 1937 in einem Schweizer Internat, die Eltern Fiedler besaßen dort ein Haus. Die Eltern bürgten für die Familie und ermöglichten es so ihrem verfolgten jüdischen Schwiegersohn, sein Leben zu retten. Charlotte Rothschild hielt unverbrüchlich zu ihrem Mann und teilte das Schicksal des Exils.
In den Briefen von Charlotte Rothschild zeigt sich im Jahr 1947 der Stress, zwischen zwei Pflegefällen (ihrem Mann und ihrer Mutter) hin- und hergerissen zu sein. Sie machte sich große Sorgen um Edgar, der nie genug Briefe an seine Eltern, die Oma und auch andere schicken konnte, mit denen sie ihn in Kontakt zu bringen versuchte, um seine Einsamkeit zu lindern, seine Umgangsformen zu beeinflussen und letztlich von ihm auch über Dritte zu hören. Seine Gesundheit, seine sozialen Aktivitäten, die sie in der Zeit der langen Trennung nicht beeinflussen konnten, seine Zukunftspläne und selbst seine Handschrift und Grammatik sind ständige Themen in den Briefen seiner Eltern, die enorm unter der Trennung in so schwierigen Zeiten litten und gleichzeitig versuchten, ihren tiefempfundenen elterlichen Pflichten nachzukommen. Sie versuchten auch, ihren Sohn finanziell zu unterstützen. Die Sendung von Briefmarken, die er in England, Wien oder anderswo verkaufen könnte, waren ein Weg, die Unmöglichkeit, Schweizer Franken an ihren Sohn zu schicken, zu umgehen. Auch über Dritte wurde öfters eine Summe gesendet, die für Arztbesuche, Anschaffungen wie einen Anzug etc. gebraucht wurden. Gleichzeitig versuchte Charlotte, ihren Mann vor schlechten Nachrichten zu schützen, indem sie ihren Sohn bittet, ihr alles, aber ihm nur Gutes zu schreiben. (Brief vom 14. Juli 1947)
Während die Familie in Hannover wohlhabend gewesen war, wurde die finanzielle Situation in der Schweiz immer schwieriger. Als geduldeten Flüchtlingen war es den Rothschilds nicht erlaubt zu arbeiten und sie mussten alle Reserven, die sie hatten retten können, für Arztrechnungen und Lebensunterhalt aufbrauchen. Hoffnung hatten sie nach dem Krieg auf eine schnelle Rückgabe ihres Eigentums (Aktien und Wohngebäude), aber diese erfüllte sich nicht. Nur die Rente von Walter Rothschild wurde nach dem Krieg bezahlt. Sie waren auf Wohltätigkeit von anderen und von Organisationen für Flüchtlinge angewiesen.
Am 12. Juli 1950 erteilte Charlotte Rothschild, die besuchsweise in Baden-Baden war, eine Vollmacht an den Amtsgerichtsrat i. R. Dr. Victor Waldeck, in ihrer Entschädigungssache für sie tätig zu sein. Sie legte den Erbschein vor, denn Walter Rothschild war am 6. Februar 1950 in Lausanne verstorben. Aber erst am 11. Januar 1957 - also fast elf Jahre nach der ersten Aufforderung zur Rückerstattung unrechtmäßig eingezogenen Vermögens durch Walter Rothschild - erhielt seine Witwe einen ersten Bescheid. Dieser bezog sich auf die "Judenvermögensabgabe". Der Antragstellerin wurden 2316,12 DM zugestanden. Noch im Februar 1964 muss Charlotte Fiedler auf Zahlungen warten, die ihr zustanden, die aber noch nicht ausgezahlt werden konnten.
Charlotte Rothschild, geb. Fiedler, hat nicht wieder geheiratet und ist in der Schweiz geblieben. Sie starb in Lugano am 8. April 1981. Sie ist in Lugano-Castagnola bei ihren Eltern beigesetzt.
StABAD A23/13
Hier wohnte
CHARLOTTE ROTHSCHILD
GEB. FIEDLER
JG. 1893
FLUCHT 1939
SCHWEIZ
Stolperstein Markgrafenstraße 24, verlegt am 21.05.2025