geb. 11.08.1924 in Hannover, gest. 16.02.2012 in Bradford
Rothschild, Esther
Markgrafenstraße 24 (aus Hannover kommend, 1933-1937)
Am 6. Mai 1937 Emigration nach St. Gallen, später England
Edgar Rothschild wurde am 11. August 1924 in Hannover geboren. Er war der Sohn von Walter Rothschild aus Hannover und Charlotte Fiedler aus Baden-Baden. Edgar verbrachte zunächst eine behütete Kindheit in Hannover, die ab 1933 abrupt einen anderen Verlauf nahm. Nachdem sein Vater im März 1933 als Landgerichtsrat erst beurlaubt und dann aufgrund des Gesetzes zum "Schutz des Berufsbeamtentums" in den Ruhestand versetzt wurde, musste Edgar seine Kindheit in Hannover zurücklassen. Die Familie zog nach Baden-Baden in der Hoffnung, die Zeit des Nazi-Terrors dort besser überstehen zu können. Auch dass "es näher an der Grenze zu Frankreich war", könnte eine Rolle gespielt haben. Die Hoffnung auf einen sicheren Verbleib in Baden-Baden blieb indes auch für Familie Rothschild unerfüllt.
In Baden-Baden besuchte Edgar drei Jahre lang das Gymnasium Hohenbaden, wurde am Ende der Quarta aber nicht versetzt. Ob Edgar das Lernen an sich schwerfiel oder ob die Situation der zunehmenden Judenverfolgung die Eingewöhnung an der Schule und erfolgreiches Lernen unmöglich machten, lässt sich im Rückblick nicht mehr differenzieren. Es ist belegt, dass der Lehrer Oskar Armbruster vom Gymnasium Hohenbaden versucht hatte, Edgar vor antisemitischen Angriffen in der Schule zu schützen.
Edgars Eltern entschieden, dass ihr Sohn in einem Internat in der Schweiz besser aufgehoben sei, und meldeten ihn am "Institut Am Rosenberg" in St. Gallen an, das er ab April 1937 besuchte. Während Edgar in den Weihnachtsferien 1937 noch nach Hause kommen konnte, wurde ihm dies im darauffolgenden Jahr nicht mehr erlaubt. Edgar wusste wohl nicht, dass sein Vater bei der Pogromnacht im November 1938 misshandelt, verhaftet und nach Dachau gebracht worden war.
Im August 1939 - wenige Monate, nachdem seine Eltern in die Schweiz emigriert waren - verließ Edgar die Eidgenossenschaft mit dem Ziel England. Erst im März 1946 sollte er seinen Vater wiedersehen. Seine Halbschwester Inge, die mittlerweile ebenfalls in England lebte, holte Edgar in Folkstone ab. Eigentlich sollte er in einem College seine schulische Ausbildung weiterführen, aber Edgar brach 1941 mit 17 Jahren die Schule ab. Die Eltern baten den Gymnasiallehrer Dr. Artur Flehinger um Hilfe, der ebenfalls aus Baden-Baden nach England hatte auswandern können. Edgar zog in die Nähe der Flehingers, und er und die beiden Flehinger-Söhne arbeiteten in der Nähe in einer Fabrik. 1943 begann Edgar eine Ausbildung als Meteorologe bei den Royal Air Forces, da er als "enemy alien" nicht Pilot werden konnte, was eigentlich sein Wunsch gewesen war. Er wurde unter anderem im indischen Subkontinent eingesetzt, kam aber bald nach Europa zurück und war erst in Wien und dann in Udine in Italien stationiert. 1948 wurde er aus der Armee entlassen und britischer Staatsbürger. Eine kurze Ehe mit Esther Spencer aus Keighley in Yorkshire, die er kennengelernt hatte, als er dort in einer Fabrik arbeitete, dauerte nur drei Jahre und wurde 1948 geschieden.
Wie Briefe Walter Rothschilds an seinen Sohn aus dem Jahr 1946 nahelegen, wollte Edgar, damals stationiert in Wien, wohl Musiker werden. Der Vater riet ihm mehrfach davon ab, obwohl die ganze Familie sehr musikalisch war. Charlotte Rothschild schrieb in ihrem Briefen oft, welche Konzerte sie im Radio gehört hatten. Nach seiner Tätigkeit als Meteorologe bei der britischen Armee war Edgar als Ingenieur tätig und später als Mathematik-Lehrer. 1952 heiratete er Esther Bergson-Brown, mit der er drei Kinder hatte, von denen zwei später Rabbiner wurden. Obwohl die jüdische Religion in seiner Jugend wohl keine große Rolle gespielt hatte, zog es ihn in die Synagoge seiner Wahlheimat, und er war dort aktives Mitglied und im Vorstand der Gemeinde.
Edgar Rothschild starb am 16. Februar 2012 in Bradford, England, und wurde dort auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt.
StABAD A23/42; StAF F 196/1 Nr. 742; StAF P 303/4 Nr. 2133; Nachruf von der Enkeltochter am 11. Aug. 2023 erhalten;
Hier wohnte
EDGAR ROTHSCHILD
JG. 1924
FLUCHT 1937
SCHWEIZ
1939 ENGLAND
Stolperstein Markgrafenstraße 24, verlegt am 21.05.2025