geb. 11.12.1890 in Hannover, gest. 06.02.1950 in Lausanne (Schweiz)
Markgrafenstraße 24 (aus Hannover kommend, 1933-1939)
Im Juli 1939 Emigration nach Genf
Walter Rothschild wurde am 11. Dezember 1890 als Sohn des späteren Geheimen Finanzrates Julius Rothschild und seiner Frau in Hannover geboren. Er besuchte das humanistische Gymnasium in seinem Geburtsort und machte dort 1909 Abitur. Walter Rothschild studierte an den Universitäten Lausanne, München, Berlin und Göttingen Jura. Nach bestandenen Examen wurde er 1913 Referendar. 3½ Jahre nahm er als Soldat am Ersten Weltkrieg teil. Im Januar 1920 wurde er Gerichtsassessor und im April 1927 Landgerichtsrat in Hannover. Dort blieb er bis zu seiner zum 30. September 1933 erfolgten Zwangspensionierung. Seit Juni 1933 lebte er mit seiner Familie in Baden-Baden.
Seine Frau Charlotte Fiedler hatte er in Baden-Baden bei einem Aufenthalt in der Kurstadt kennengelernt. Charlotte Fiedler und Walter Rothschild heirateten im November 1922 in Berlin, wahrscheinlich, weil ihre Eltern dort wohnten. Walter Rothschilds Eltern waren zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben. Am 11. August 1924 wurde ihr Sohn Edgar in Hannover geboren, wo die junge Familie in Walters Elternhaus mit seiner Schwester wohnte.
In den zwanziger Jahren war Walter Rothschild zwar schon fertiger Jurist, hatte aber noch lange keine feste Stelle. Öfters wurde er mit Vertretungen betraut. Das scheint auch an der antisemitischen Grundstimmung der Zeit gelegen zu haben. Erst 1927 wurde er zum Land- und Amtsgerichtsrat ernannt und hatte damit einen bedeutenden Schritt in üblicherweise sichere Beschäftigung getan. In den dreißiger Jahren aber wurden die antisemitischen Angriffe immer schlimmer. Im Januar 1933 rief ein offener Brief in der örtlichen Zeitung zur Absetzung von jüdischen Richtern in Hannover auf. Auslöser dafür war offenbar das Verfahren gegen zwei SA-Männer gewesen, das von Walter Rothschild geleitet worden war. Dies war unmittelbar vor der Machtübertragung an die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933, womit Walter Rotschild zunächst beurlaubt und dann im September aufgrund des Gesetzs "zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde.
Bereits im Juni 1933 zogen Walter und Charlotte Rothschild mit Edgar nach Baden-Baden in ihre Wohnung in der Markgrafenstraße 24. Walter Rothschild durfte nicht arbeiten, bekam aber Beschäftigung in einem Briefmarken-Sammel-Laden. Edgar ging auf das Gymnasium Hohenbaden, wo er in der Klasse mit Walter Flehinger, dem Sohn des Lehrers Dr. Arthur Flehinger, war. Auch die Erwachsenen freundeten sich an. In Familienbesitz haben sich Briefe erhalten, die einen Blick in das Leben der jüdischen Gemeinschaft in Baden-Baden eröffnen.
Sohn Edgar besuchte drei Jahre das Gymnasium Hohenbaden, wurde im letzten Jahr (an Ostern 1937) aber nicht versetzt. Die Eltern entschieden, dass Edgar in die Schweiz gehen sollte, wohin sie ihm nach Möglichkeit folgen oder aber in einem anderen Land sicheren Aufenthalt finden wollten. Obwohl es Versuche gab, in die USA oder nach Kuba auszuwandern, reisten Walter und Charlotte Rothschild im Mai 1939 über Basel in die Schweiz, und Walter kehrte von dort nicht mehr nach Deutschland zurück.
Walter Rothschild war bei der Pogromnacht misshandelt, verhaftet und nach Dachau gebracht worden, wo er als Häftling Nummer 21785 bis 12. Dezember 1938 inhaftiert war. Er wurde ein Tag nach seinem 48. Geburtstag entlassen. Er kam als gebrochener Mann zurück und behielt schwere gesundheitliche Folgen von Misshandlung und Lagerhaft zurück, an deren Folge er wahrscheinlich auch gestorben ist. Walter Rothschild musste sich in der Schweiz verschiedenen Schädel-Operationen unterziehen und war zuletzt gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt.
Bereits direkt nach dem Krieg versuchte Walter Rothschild, das von den Nationalsozialisten enteignete Vermögen wiederzuerlangen. Am 26. November 1946 erging ein Bescheid des Badischen Landesamtes für kontrolliertes Vermögen, in dem festgestellt wurde, dass erhebliche Vermögenswerte (über 10.000 RM in Aktien) zurückerstattet werden müssen, da sie "nach nunmehr für aufgehoben erklärten Gesetzen abgegeben werden mussten". Auf Seite 2 des Dokuments heißt es aber: "Diese Entscheidung gibt noch kein Recht auf Zahlung, sondern sie bildet nur die Grundlage für eine in dem zu erwartenden Wiedergutmachungsverfahren zu treffende Entscheidung."
Dieser Bescheid muss für die Familie Rothschild sehr enttäuschend gewesen sein. Walter Rothschild hatte schon sehr früh seine Forderungen geltend gemacht. Das konnte er, weil er Jurist war und sich in Verwaltungsangelegenheiten und Rechtsprechung auskannte. Letztlich zog sich die Rückerstattung und die Entschädigung für erduldete Leiden noch sehr lange hin. Am 29. Dezember 1948 wurde immerhin die Zahlung von Walter Rothschilds Pension rückwirkend von Mai 1945 an bewilligt. Letztlich erhielt erst die Witwe Charlotte Rothschild eine Entschädigung für die enteigneten Vermögenswerte. Walther Rothschild, der am 6. Februar 1950 in einer Klinik in Lausanne verstarb, hat dies nicht mehr erlebt. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Lausanne-Prilly beigesetzt.
StABAD A23/42; StAF F 196/1 Nr. 742; StAF P 303/4 Nr. 2133;
Hier wohnte
WALTER ROTHSCHILD
JG. 1890
BERUFSVERBOT 1933
FLUCHT 1939
SCHWEIZ
Stolperstein Markgrafenstraße 24 , verlegt am 21.05.2025